Nachlass-Fundstücke Folge 11

24.08.2022

„Es ist leicht, gut zu sein, wenn man allein ist; die Natur nimmt uns an, so wie wir sind.“ – Das Anjekind 

von Christina Lemmen

Das Anjekind erscheint 1913, geschrieben in „Schleißheim bei München“ wo Bonsels mit seiner zweiten Ehefrau Elise und den beiden Söhnen Nils und Hans im Haus von Bernd Isemann lebt. Das handschriftliche Manuskript ist nur als Fragment vorhanden. Kapitel 10 fehlt vollständig, doch die übrigen 160 Blatt sind bis heute erhalten geblieben. Die Erzählung ist Bonsels‘ erstes Werk nach Die Biene Maja und ihre Abenteuer, das 1912 ebenfalls in Schleißheim entstanden war. Beide Geschichten haben die ausschweifenden Naturbeschreibungen gemein. Abgesehen davon ist Das Anjekind allerdings um einiges düsterer und spielt in der menschlichen Welt. 

Originalmanuskript „Das Anjekind“, Schleißheim 1913; Signatur: WB M 1

Titelheldin Anje lebt mit ihrem Vater weitab der Zivilisation im Hochmoor. Die beiden versorgen sich selbst mit dem, was der Wald an Früchten und Pflanzen hergibt, ergänzt durch das ein oder andere illegal geschossene Wild. Außer zur weisen Kräuterfrau Olle hat Anje keinen Kontakt zu den Bewohnern des nächstgelegenen Dorfes, in dem sie einst geboren wurde. Sorglos und im Einklang mit der Natur streift sie durch Wälder und Moorwiesen, stets begleitet von ihrem treuen Hund Hirte. Das freie Leben nimmt ein jähes Ende, als der junge Jägergehilfe Fridlin eine obsessive Faszination für Anje entwickelt und versucht, dem Mädchen näher zu kommen. 

Anje trifft im Wald auf eine Schlange, Künstlerin: Helli Fritz, o.J.; Signatur: WB F 32

Das Fragment eines undatierten Drehbuchentwurfs für Anjekind ist ebenfalls im Nachlass erhalten. Hierfür nutzte Bonsels die Rückseiten vom Briefpapier des Grand Hotel Quisisana auf Capri. Vermutlich ist es also dort entstanden. Zwischen 1908 und 1937 hielt Bonsels sich zum Schreiben immer wieder auf der italienischen Insel auf.

Anje und ihr Hund Hirte wärmen sich am Feuer, Künstlerin: Helli Fritz, o.J.; Signatur: WB F 32

Außerdem im Nachlass zu finden sind zwölf farbige Illustrationen mit Szenen aus der Erzählung. Sie stammen von der österreichischen Künstlerin Helene Agnes Pauline Fritz (1906 – 1940), genannt Helli. Schon als Schülerin der Kunstgewerblichen Privatlehranstalt Emmy Zweybrück-Prochaska entwarf sie im Alter von 15 den Fries “Kinderfest”, der über das Österreichische Jugendrotkreuz käuflich zu erwerben war. Von 1921 bis 1924 besuchte Helene Fritz die Kunstgewerbeschule in Wien. Ab 1935 war sie mit dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr verheiratet. Von ihr stammen auch vier Aquarelle im gleichen Stil zu Bonsels‘ 1917 veröffentlichtem Werk Wartalun. Eine Schloßgeschichte (Neuausgabe von Die Toten des ewigen Kriegs, 1911). Vielleicht begegneten sich Fritz und Bonsels in Wien, wo Bonsels sich häufig bei Freunden und für Lesungen aufhielt. Vielleicht haben sie sich auch nie kennengelernt. Ob die Illustrationen im Auftrag entstanden oder Helene Fritz sie aus eigenem Antrieb anfertigte, ist leider ebenso wenig überliefert. 

Es bleiben also einige unbeantwortete Fragen. Wie die Geschichte von Anje ausgeht, lässt sich jedoch im Manuskript nachlesen… 

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