Nachlass-Fundstücke Folge 9

24.08.2022

„Wenn Sie ernst gegen sich selbst bleiben, so steht Ihnen Großes bevor.“ – Einblicke in das Notizbuch von Waldemar Bonsels

von Christina Lemmen


Erste Albumseiten mit Foto von Teta Bonsels und Zitat, 1907; Signatur WB M 435

Eins der schon optisch herausstechenden Objekte im Nachlass ist ein in Pergament eingeschlagenes Album: „Begonnen im Januar 07 in München-Schwabing“, notierte Waldemar Bonsels auf der ersten Seite. Darunter – gleichsam Motto und Mahnung – ein Zitat aus einem Brief des befreundeten Schriftstellers Hermann Stehr:

„Wenn Sie ernst gegen sich selbst bleiben, so steht Ihnen Großes bevor.“

Die erste Unternehmung auf dem Weg zum literarischen Erfolg war 1904 bereits die Gründung eines eigenen Verlags zusammen mit Hans Brandenburg, Carl Friedrich Strauß und Bernd Isemann gewesen. Zunächst veröffentlichen die vier Freunde vor allem eigene Werke. 

Anfang 1907 lebt Bonsels – wie es sich für einen aufstrebenden Literaten gehört – mit seiner Frau Teta, geb. Brandenburg [siehe Abb. 1] und dem gemeinsamen Sohn Frank Lothar in Schwabing in der Leopoldstraße, mitten im Bohèmeviertel. In der Wohnung der Familie befinden sich auch die Geschäftsräume des E.W. Bonsels-Verlags.

Der E.W. Bonsels-Verlag, um 1905; Signatur WB M 435

Auf Seite 35 von Bonsels‘ Notizbuch begegnen wir den Verlagsgründern persönlich. Das verblichene und vom über 100 Jahre alten Klebstoff wellig gewordene Foto zeigt uns einen kleinen Ausschnitt aus dem Alltag des Verlags: Neben den vier Teilhabern sind Siegfried Krebs, die Malerin Helene Isemann, geb. Focking, Teta Bonsels, geb. Brandenburg, Theodor Eppel sowie eine Unbekannte zu sehen. Die „Verlagsfamilie“ scheint in lockerer und freundschaftlicher Stimmung. Theodor Eppel schaut lachend zu Carl Friedrich Strauß und während das Geschwisterpaar Teta und Hans Brandenburg als einziges in die Kamera blickt, scheint sich Bernd Isemann für etwas außerhalb des Bildrands zu interessieren. Neben ihm hält Waldemar Bonsels den Kopf leicht gesenkt und trägt – anders als die übrigen Männer – als modisch bewanderter Dandy keine Krawatte, sondern einen zur Schleife gebundenen Schal. Die Einrichtung des Raums lässt sich ebenfalls erahnen: Die Gruppe hat sich auf und um ein dunkles Samtsofa drapiert, an der Wand hängt ein großformatiges Gemälde, hinter Isemann und Bonsels ist ein Blumengebinde zu erkennen und rechts neben dem Sofa steht – wie könnte es in einem Verlags anders sein? – ein Tischchen mit Bücherstapeln. Es braucht nicht viel Phantasie, sich die regelmäßig in den Verlagsräumen stattfindenden literarischen Abende und Lesungen vorzustellen, an denen gelegentlich auch Heinrich Mann und Frank Wedekind teilnehmen. In Isemanns Haus, in das Bonsels nach der Trennung von Teta mit seiner zweiten Frau Elise, geb. Ostermeyer einzieht, entsteht 1910/11 „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“. Dieses Werk bringt Bonsels finanzielle Unabhängigkeit und internationalen Erfolg. Aus dem Verlag, der sich mittlerweile u. a. mit Veröffentlichungen von Thomas und Heinrich Mann, Paula Rösler und Lion Feuchtwanger zieren kann, zieht sich Bonsels 1912 zurück.

Entwürfe für den Gedichtband „Das Feuer“, um 1910; Signatur: WB M 435

Außer Fotos und Zitaten von Freunden, Bekannten, Idolen und Liebschaften, füllen Entwürfe zu mehreren Werken die insgesamt über 270 Seiten des Albums; darunter Versionen für „Das Feuer / Die große Passion.“, ein gemeinsamer Gedichtband von Bonsels und Bernd Isemann, 1907 im E.W. Bonsels-Verlag erschienen. Über 13 Jahre – bis 1920 – können wir anhand des Notizbuchs Bonsels‘ Leben in Teilen mitverfolgen: an welchen Texten er gearbeitet hat, wo er sich aufhielt, wen er traf und was ihm wichtig war. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Hermann Stehrs eingehende Prophezeiung erfüllt: Als erfolgreicher Schriftsteller mit zahlreichen Veröffentlichungen besitzt Bonsels ein Haus in der Villenkolonie in Pasing bei München, hat ein Anwesen am Starnberger See, reist regelmäßig in die Casa Romita nach Capri und für Lesungen und Vorträge durch die deutschsprachigen Länder. Waldemar Bonsels verfolgt seine Karriere mit kaufmännischem Geschick und wird so zu einem der meistgelesenen deutschen Autoren der 1920er und -30er Jahre. 

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