„2 Spanische Wände, diverse Ragoutschalen und 11 Plumeaus“ oder wie ein Dichter wohnt
von Christina Lemmen 

Eine Auflistung von Möbelstücken und Einrichtungsgegenständen? Auf den ersten Blick mag das in literarischer Hinsicht wenig interessant erscheinen. Aber nur auf den ersten Blick… Wohninventare werden meist zu zwei Gelegenheiten erstellt: Bei Verkauf eines Hauses oder beim Tod seiner BewohnerInnen, um den Umfang des Erbes festzustellen – so auch im Falle des 1885 errichteten Hauses in Ambach. 1918 will oder muss der ungarische Maler Guyla Benczúr sein Sommerhaus am Starnberger See verkaufen. Waldemar Bonsels‘ Roman „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ ist sechs Jahre nach dem Erscheinen zum Bestseller avanciert. Der Autor kann sich ohne weiteres das schmucke Anwesen als Rückzugs- und Schreibort leisten. Angeblich inspiziert Bonsels lediglich den weitläufigen Garten und ist vom Blick auf den See so eingenommen, dass ihn das Innere des Hauses nicht weiter interessiert und er den Kaufvertrag ohne Besichtigung unterschreibt. Dass Ambach schließlich zu seinem Hauptwohnsitz und auch der Ort seiner letzten Ruhe werden sollte, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. 

Anders als sein neuer zukünftiger Bewohner, wollen wir das Haus hinter dem markanten Holztor und seine Räume etwas genauer unter die Lupe nehmen. Fotografien aus dem Inneren des Hauses gibt es kaum, also müssen zur Erkundung andere Quellen herangezogen werden.

Titelseite des Inventarbuchs von Gyula Benczúr, 1918

Das erste Inventarbuch spiegelt Zustand und Einrichtung des Hauses im Sommer 1918: Es gibt 15 Zimmer auf drei Etagen plus Keller und Speicher unter dem Dach. Auch WCs sind im Parterre und im ersten Stock vorhanden. Ein Reservoir in einer der Dachkammern stellt die Wasserversorgung dafür sicher – für die Zeit um 1900 eine durchaus moderne Einrichtung. Elektrizität gibt es noch nicht, wie die Erwähnung von Petroleumlampen nahelegt, dafür aber eine Waschküche im Keller, Waschtische in den Schlafzimmern und Ofenheizung. Die detaillierte Auflistung des Mobiliars lässt Rückschlüsse auf die Nutzung der Räume zu. Selbst Geschirr und Bettzeug werden erwähnt. Die gesamte Einrichtung ist im Kaufpreis enthalten. Eine Auflistung von Rose-Marie Bonsels anlässlich von Waldemar Bonsels´ Tod 1952 zeigt, dass auch über dreißig Jahre später einiges davon noch in Gebrauch ist.

Die Schwestern Maya und Nora von Schrenck (Mitte) im Starnberger See, Sommer 1929

Rechnungen aus dem Nachlass belegen, dass Bonsels im Herbst 1919 eine Renovierung mehrerer Räume beauftragt. 47 Rollen Tapete werden dabei verbraucht. Die Veranda im ersten Stock, die von seinem Arbeitszimmer abgeht, lässt er 1926 für 568 Mark mit Glas überdachen. Im ersten Stock befinden sich auch sein Schlafzimmer, die Bibliothek und ein Musikzimmer. 
Ab 1920 kümmert sich Betty Tod als Haushälterin um das Haus, seine BewohnerInnen und BesucherInnen. Sie lebt die meiste Zeit des Jahres in Ambach, sorgt dafür, dass in der Villa Ordnung herrscht und stets genug Lebensmittel vorhanden sind. Bei Bedarf zersägt auch den ein oder anderen umgestürzten Baum zu Feuerholz. Über Waldemar Bonsels‘ Tod hinaus bleibt sie bis 1960 als „gute Seele“ im Haus.

Seine fünf Söhne und seine Exfrau Elise Bonsels dürfen ihn nur selten in Ambach besuchen. Seine zahlreichen Freunde, Freundinnen und Liebschaften wie Paula Ludwig und die Schwestern von Schrenck sind dafür umso willkommenere Gäste. Teilweise wohnen sie über längere Zeit im Haus, auch wenn Bonsels selbst gerade in Berlin, auf Capri oder Lesereise ist. Für sie alle ist das Haus am Ostufer des Starnberger Sees Zufluchts- und Rückzugsort von der Stadt. Im Sommer, an heißen Tagen, versprechen Bootshaus und Terrasse mit direktem Zugang zum See den mondänen StädterInnen willkommene Abkühlung. Im Winter wird der Salon Schauplatz von gemütlichen Abenden und ausgedehnten Pokerrunden.

Liste der Einrichtungsgegenstände, erstellt von Rose-Marie Bonsels, 1952
Waldemar Bonsels‘ Haus und Grundstück in Ambach, vor 1960

Im Laufe der Jahrzehnte wird das Haus nur wenig modernisiert. Die Erwähnung eines Radios in der Inventarliste von 1952 deutet darauf hin, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt eine funktionierende Stromversorgung gab. Der Vergleich der beiden Inventare legt nahe, dass Rose-Marie Bonsels im ehemaligen „Ritterzimmer“ im zweiten Stock schläft und Haushälterin Betty die ehemaligen Speisekammer neben der Küche als Schlafzimmer nutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird in die ehemaligen Wohn- und Esszimmer eine Flüchtlingsfamilie einquartiert. Bonsels´ Witwe Rose-Marie bewohnt die Villa bis zu ihrem Tod im Jahr 1993.

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